Deutsch-Indische Beziehungen

von | Apr 24, 2007 | Wirtschaft | 0 Kommentare

Perspektiven für Partner

Jahrhunderte alte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien haben eine neue Qualität bekommen. Dank eines rasanten indischen Wachstums begegnen sich der Exportweltmeister und der aufstrebende Subkontinent in puncto Innovationskraft und Entwicklungsfreude zunehmend auf Augenhöhe 

Dass der Exportweltmeister Deutschland intensive Handelsbeziehungen mit Indien unterhält, ist im Grunde nicht neu. Waren reisende Geschäftsleute im 16. Jahrhundert noch auf der Suche nach Gewürzen wie Pfeffer, so installierten Techniker von Siemens knapp drei Jahrhunderte später einer Vorläufer moderner Datenleitungen. Mit der ersten Telegrafenverbindung von Kalkutta nach London legten die deutschen Ingenieure 1870 einen Grundstein für Indiens langsamen Aufstieg als Dienstleister der Welt. Dass Indien heute einen gänzlich anderen Stellenwert in einem zunehmend globalen Wirtschaftsgefüge besitzt, liegt an der wirtschaftlichen Entwicklung seit 1991. Zwar haben deutsche Unternehmen wie Bosch, Krupp oder Daimler-Benz die Industrialisierung des Subkontinents seit der Erlangung der Unabhängigkeit begleitet, beschleunigt haben sich die wirtschaftlichen Beziehungen beider Staaten aber erst als sich Indien zum Prinzip der Marktwirtschaft bekannt hat. Fortan wurden Auslandsinvestitionen einfacher. Und plötzlich sind die Manager auf ihrem Weg nach China nicht länger über Indien hinweggeflogen, sondern haben die wirtschaftlichen Möglichkeiten erkannt. 

Expansion der indischen Wissensgesellschaft 

In der Zwischenzeit haben sich fast alle deutschen Großunternehmen ein Standbein in Indien geschaffen. In Mumbai arbeiten mehr als 5.000 Ingenieure von Siemens an Software und Medizintechnik. Konzerne wie Degussa und Altana entwickeln Chemikalien oder erforschen neue Medikamente. Sie alle schätzen die einzigartigen Standortvorteile. So ist Indien mit etwa 1,1 Milliarden Einwohnern nach China nicht nur das Land mit den zweitmeisten Einwohnern, vor allem der rapide Bildungszuwachs imponiert. Die indische Mittelschicht wächst und mit ihr das Bildungsniveau. Jährlich verlassen 400.000 Absolventen die Universitäten – knapp zehnmal so viele wie in Deutschland. Wo sich die Personalchefs in Europa Gedanken über geeigneten Nachwuchs machen müssen, besteht auf dem Subkontinent kein Mangel. Erstklassig ausgebildet, fließendes Englisch – so stellen sich die Absolventen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Dass die Arbeitskosten nicht mal ein Fünftel der in Deutschland üblichen Entlohnung betragen, tut ein Übriges. 

Handelsvolumen auf dem Höchststand 

Um deutsche Arbeitsplätze muss man sich dennoch nicht fürchten. In dieser Einschätzung sind sich die Experten einig. So hätte Bosch sein globales Wachstum ebenso wenig bewältigt, wie die Walldorfer Software-Schmiede SAP ihren Aufstieg zum Weltmarktführer. Längst haben die wirtschaftlichen Beziehungen sich wie ein Spinnennetz über die ganze Welt gelegt. Wichtigster Handelspartner für Deutschland ist zwar zurzeit noch China, doch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien blühen. 2005 stieg das Handelsvolumen um 22 Prozent auf 7,6 Milliarden Euro. Ein Jahr später erreichte das es den bisherigen Höchststand bei 10,54 Milliarden Euro. Dabei betrugen die deutschen Exporte nach Indien 6,4 Milliarden Euro. Indiens Ausfuhren nach Deutschland beliefen sich auf 4,2 Milliarden Euro. Mit einem Anteil von vier Prozent liegt Deutschland an siebter Stelle der Abnehmer indischer Produkte. Auch bei den Einfuhren nach Indien belegt Deutschland den vierten Platz. Umgekehrt liest sich die Bilanz nicht ganz so imposant und bietet Spielraum für weitere Entwicklungen: Indien steht für Deutschland lediglich an 30. Stelle der Länder, die nach Deutschland exportieren. 

Dynamische Exportentwicklung 

Indische Produkte in Deutschland werden vornehmlich aus den Bereichen Lederwaren und Textilien sowie Metallerzeugnissen und Nahrungsmittel angeboten. Ein starkes Wachstum verzeichnen chemische Produkte und Vorprodukte. Ebenfalls dynamisch wachsen die indischen Exporte nach Deutschland aus den Bereichen Elektronik, Pharmazie und Maschinenbau. Die wichtigsten deutschen Ausfuhrgüter waren 2006 Maschinenbauprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse. Erfreulich entwickelte sich der Export vollständiger Fabrikationsanlagen und Metallerzeugnisse. Nicht zuletzt wegen der wachsenden Marktposition in Indien stagnierten die deutschen Ausfuhren aus den Bereichen Kunststoffe sowie chemische und pharmazeutische Produkte. Kräftiger Steigerungsraten sind bei den Produkten aus dem Automobil- und Zulieferbereich sowie bei Medizin-, Mess- und Regeltechnik zu beobachten. 

Politische und kulturelle Annäherung 

Forciert von der wirtschaftlichen Dynamik beider Staaten intensivieren sich auch politische und kulturelle Kontakte. Und so war das Jahr 2006 wichtig für die deutsch-indischen Beziehungen. Zahlreiche Ereignisse haben wichtige Effekte für den Ausbau der gegenseitigen Konsultationen gezeitigt. Auf der weltweit bedeutendsten Industriemesse in Hannover war Indien Partnerland. Die feierliche Eröffnung übernahmen der indische Premierminister Manmohan Singh und die deutsch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Beide begrüßten mehr als 300 indische Firmen auf dem Messegelände. Darüber hinaus war Indien im Oktober 2006 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Die kulturelle Vielfalt des Subkontinents wurde bereits im Mai 2006 auf der Bonner Bienale einem interessierten Publikum gezeigt. Zahlreiche politische Treffen zwischen den Spitzenpolitikern beider Länder haben seither einen bilateralen Dialog angeschoben, der die Basis für eine noch intensivere Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern bildet. In einer sich zunehmend dynamisch entwickelnden Gesellschaft spricht vieles dafür, dass nicht nur die Beziehungen zwischen den Ländern intensiver werden, sondern auch die Menschen näher aneinanderrücken. Gepaart mit den politischen und wirtschaftlichen Chancen, die in diesem Prozess liegen, darf man sich darauf freuen. 

Text: Jürgen Ponath

Bild von Mumbai: © Siemens Press Pictures

Mit 3,2 Millionen Quadratkilometern ist Indien gut neun Mal so groß wie Deutschland. Gemessen an der Einwohnerzahl von 1,1 Milliarden Menschen ist die südasiatische Republik nach China das zweitgrößte Land der Erde. Allein in der Hauptstadt Neu Delhi leben 15 Millionen Einwohner (Vgl.: Im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen leben knapp 17 Millionen Menschen). Darüber hinaus ist Indien mit 282 Menschen pro Quadratkilometer dicht besiedelt. Allerdings schwankt diese Dichte regional sehr stark. In den Ballungsräumen liegt sie bei zirka 6.000 Menschen pro Quadratkilometer, in den ländlichen Gegenden bei weniger als 100. Das Bevölkerungswachstum ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen und liegt derzeit bei 1,9 Prozent. Wirtschaftlich zählt Indien mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 544 Euro pro Jahr zu den armen Ländern der Welt. Im Lebensstandard gibt es nach wie vor extreme Unterschiede zwischen sozialen Gruppen und einzelnen Bundesstaaten. Zwar wächst die Mittelschicht rasant, doch gerade auf dem Lande, wo drei Viertel der Bevölkerung leben, herrscht oft bittere Armut. 80 Prozent der Inder sind Anhänger des Hinduismus, 13 Prozent Moslems und je zwei Prozent Christen und Sikhs. Die klimatischen Verhältnisse sind monsunabhängig: starke Regenfälle von Juli bis September – heiße und trockene Monate von April bis Juli. Im Norden gibt es zudem starke Jahreszeitliche Wetterschwankungen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein föderaler Staat im westlichen Mitteleuropa und in 16 Bundesländern gegliedert. Als Gründungsmitglied ist Deutschland maßgeblich an der Realisierung der Europäischen Union beteiligt. Auf einer Fläche von 357.000 Quadratkilometern leben 82 Millionen Menschen. Mit durchschnittlich 231 Menschen pro Quadratkilometer ist auch Deutschland dicht besiedelt. 62,5 Prozent der Einwohner Deutschlands sind Anhänger christlichen Glaubens (katholisch 31,4 Prozent, evangelisch 31,1 Prozent), vier Prozent Muslime und 0,2 Prozent Juden. Der Rest ist konfessionslos. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt 17.800 Euro im Jahr. Basis des wirtschaftlichen Erfolgs ist eine moderne und leistungsfähige Infrastruktur. Die Bundesrepublik verfügt über ein 231.500 Kilometer langes Straßennetz (Autobahnen 12.400 Kilometer, Bundesstraßen 41.000 Kilometer, Landstraßen 86.000, Kreisstraßen 91.600 Kilometer) und Schienenwege mit einer Länge von 38.000 Kilometern. Der Flughafen Frankfurt/Main ist der größte von insgesamt 19 internationalen Flughäfen. Die Binnenschifffahrt verkehrt auf 7.500 Kilometer langen Wasserwegen. Wichtigste Seehäfen sind Hamburg, Wilhelmshaven, Bremen, Rostock und Lübeck. Deutschland befindet sich in einer gemäßigten Klimazone. Im Jahresmittel beträgt die Temperatur neun Grad.

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